Weil vorgelesen zu bekommen etwas mit einem macht
Das hatte schon als Kind etwas: Jemand liest einem vor. Vielleicht waren es die Eltern, vielleicht die Großeltern. Das hatte etwas Magisches. Plötzlich war man nicht mehr im eigenen Zimmer, sondern mittendrin in einer Geschichte – nur durch Worte, durch eine Stimme.
Genau dieses Gefühl kam an dem Abend bei der Lesung wieder hoch. So viele Bilder, kleine Filme im Kopf. Man merkt gar nicht, wie tief man drin ist – bis man plötzlich ganz woanders ist. Fast wie früher. Nur dass man heute weiß, wie selten so ein Moment geworden ist.
Weil der Text eine Stimme hat – und ein Gesicht dazu
Es ist nicht nur der Text, der wirkt – sondern auch, wie er gelesen wird. Und von wem.
Man bekommt ein Gefühl für die Person da vorne: wie sie liest, atmet, mit dem Publikum umgeht. Man spürt, welche Stellen ihr wichtig sind, wo sie langsamer wird oder kurz selbst schmunzeln muss.
Und selbst wenn sie sich mal verhaspelt, macht sie das so gelassen, dass es eher Nähe schafft – und einfach sympathisch ist.
Weil alles zusammenpasst: Raum, Licht, Stimme
Der Literaturkreis Wolfsburg macht’s einem leicht. Man merkt: Hier legt sich jemand wirklich richtig ins Zeug. Und das Kulturzentrum Hallenbad? Der perfekte Ort dafür. Selbst mit hundert Leuten fühlt sich die Kleine Bühne nicht voll an, sondern genau richtig.
Vorne das Podium: die Vorleserin im Licht, dahinter der blaue Vorhang. Kein Trubel, nur Stimme und Präsenz. Und hinten am Mischpult ein Techniker, der lässig alles steuert – Ton, Beleuchtung, Atmosphäre.
Klar, der Text zählt. Aber das Drumherum macht den Abend erst richtig rund: wie der Raum klingt, wie das Licht fällt, wie alles zusammenpasst. Vielleicht klingt das übertrieben – aber wer da war, weiß, was gemeint ist.
Weil man etwas erlebt, das andere gleichzeitig auch bewegt
In so einem Raum hört man nicht nur für sich. Wenn plötzlich hundert Leute an derselben Stelle leise lachen, raunen oder hörbar aufatmen, entsteht etwas, das man allein mit einem Buch nie hätte.
Für einen Moment denkt man mit den anderen Zuhörern in dieselbe Richtung, ohne ein Wort zu sagen. Das schafft eine Verbundenheit, die sich schwer erklären lässt, aber eindeutig da ist.
Man schaut kurz auf, sieht Gesichter, die sich ebenfalls haben mitnehmen lassen, und weiß: Die anderen sind ja genauso drin wie man selbst.
Wie man einfach nur zuhört und plötzlich ganz woanders ist
Ganz ehrlich: Ich war skeptisch. Eine Lesung an einem Donnerstagabend – ist das wirklich die beste Idee nach einem langen Arbeitstag? Und doch hatte die Vorstellung, einfach nur dazusitzen und zuzuhören, etwas Verlockendes. Kein Handy, kein Streaming-Film, kein Zwei-Dinge-auf-einmal – nur Sprache, Stimme, Geschichten.
Was Lesungen so besonders macht – und warum man öfter hingehen sollte
Im Kulturzentrum Hallenbad lädt der Literaturkreis Wolfsburg vor allem Autorinnen und Autoren ein, die ihre eigenen Werke vorstellen – neue Romane mit frischen Geschichten und Gedanken.
Dieses Mal war alles ein wenig anders: kein neues Buch, stattdessen Marianne Orsini-Parakenings – eine Vorleserin, die Erzählungen von Thomas Mann mitgebracht hatte. Ihr Versprechen gleich zu Beginn: „Freude von der ersten bis zur letzten Zeile.“
Und tatsächlich: Sie hat Wort gehalten. Während des Abends sind mir ein paar Dinge aufgefallen, die Lesungen so besonders machen – und warum ich sie nicht missen möchte.
Weil man klüger rausgeht, als man reingegangen ist
Eine Lesung geht einem nicht nur nah, sie öffnet auch irgendwie den Blick. Man nimmt etwas mit: ein Gedanke, der sich festsetzt, eine Formulierung, die nachhallt.
Oder, wie in meinem Fall: Dass Thomas Mann ein ironischer, sogar humorvoller Typ war – das hätte ich vorher nicht behauptet. Und das werde ich ihm jetzt auch nicht mehr absprechen. Auf dem Nachhauseweg spricht man darüber, teilt die Aha-Momente mit der Begleitung.
Und manchmal kommt das Gespräch auch am nächsten Arbeitstag wieder hoch. Die im Büro wissen es noch nicht – aber beim nächsten Mal nehme ich sie zum Literaturkreis Wolfsburg mit.
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