Die Stille Stunde im Kunstmuseum Wolfsburg

  • Kultur & Geschichte
Kunst erleben – ganz ohne Hektik
Es gibt Museumsbesuche, bei denen ich mich ganz bewusst für eine Führung entscheide. Ich finde es interessant, mehr über die Entstehung der Werke, die Gedanken der Künstlerinnen und Künstler oder den historischen Hintergrund zu erfahren. Oft eröffnet sich dadurch ein völlig neuer Blick auf die Kunst.
Doch manchmal wünsche ich mir genau das Gegenteil: Ruhe.
Besonders deutlich wurde mir das bei meinem letzten Besuch der ALBERTINA in Wien. Die Ausstellung war beeindruckend, aber auch unglaublich gut besucht. Vor einigen Gemälden bildeten sich regelrechte Menschentrauben, sodass ich manche Werke kaum betrachten konnte. Dazu kam eine permanente Geräuschkulisse aus Gesprächen, Schritten und Husten. Statt die Kunst auf mich wirken zu lassen, war ich mehr damit beschäftigt, einen freien Blick auf die Bilder zu erhaschen und anschließend schnell wieder Platz für die nächsten Besucherinnen und Besucher zu machen.
Mit diesen Eindrücken im Kopf war ich neugierig auf die Stille Stunde im Kunstmuseum Wolfsburg. Schon beim Betreten des Museums fiel auf, wie angenehm ruhig es war. Keine Führungen, keine Menschentrauben, stattdessen eine entspannte Atmosphäre, in der die Kunst für sich sprechen kann. Zeit, Details zu entdecken. Die Ausstellung im eigenen Tempo zu erleben.

Die Kunst selbst wird dabei nicht verändert. Lichtstimmungen und audiovisuelle Installationen bleiben bewusst so, wie sie von den Künstlerinnen und Künstlern vorgesehen sind. Stattdessen verändert das Museum die Rahmenbedingungen des Besuchs. Hinweise informieren bereits vorab über mögliche sensorische Reize, zusätzliche Sitzgelegenheiten laden zum Verweilen ein, Hinweisschilder erleichtern die Orientierung und bei Bedarf stehen sogar Ohrstöpsel zur Verfügung. Während der gesamten Stillen Stunde sind außerdem Ansprechpersonen vor Ort, die bei Fragen helfen.
Die Stille Stunde richtet sich besonders an Menschen, für die viele Reize einen Museumsbesuch erschweren können, beispielsweise Menschen im Autismus-Spektrum, Personen mit erhöhter Geräuschempfindlichkeit oder Menschen, die sich in einer ruhigen Umgebung besser konzentrieren können. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass dieses Angebot weit über diese Zielgruppe hinaus interessant ist. Wer nach einem hektischen Arbeitstag einfach einmal entschleunigen möchte, wird die besondere Atmosphäre der Stillen Stunde im Kunstmuseum ebenfalls genießen.

Dass das Kunstmuseum Wolfsburg ein solches Format integriert, ist ein wichtiges Signal für mehr Inklusion und kulturelle Teilhabe in der Region, um den Museumsbesuch barriereärmer zu gestalten.

Besonders sympathisch finde ich, dass das Museum die Stille Stunde als lernendes Projekt versteht. Besucherinnen und Besucher können ihre Erfahrungen auf Feedbackbögen teilen und so dazu beitragen, das Angebot weiterzuentwickeln.
Fazit

Nach meinen Erfahrungen in Wien habe ich gemerkt, wie wohltuend Stille beim Betrachten von Kunst sein kann. Beides hat seinen Reiz: Eine gute Führung eröffnet neue Perspektiven, während eine ruhige Atmosphäre Raum für eigene Gedanken schafft.